The Great Rewiring: Ein Blick zurück

Was in Davos sichtbar wurde, als KI von Anspruch zur Umsetzung überging und begann, Entscheidungen, Systeme und Führung in Branchen neu zu ordnen.
von
Bertram Weiss

Unsere Erfahrungen bei AI House Davos

Davos hat die besondere Fähigkeit, die Zeit zu komprimieren. In nur wenigen Tagen entfalten sich Gespräche, die sonst Monate dauern würden, in überfüllten Räumen, bei frühen Morgenstunden und späten Abenden, geprägt von Dringlichkeit, Unsicherheit und dem gemeinsamen Bewusstsein, dass sich gerade etwas Fundamentales verändert.

Im AI House Davos wollten wir nicht über KI in der Theorie sprechen. Wir wollten denjenigen zuhören, die bereits mitten in der Transformation stehen, mit Verantwortung für Skalierung, Regulierung, Menschen und reale Konsequenzen. Über ein Panel und zwei Roundtables hinweg hörten wir nicht nur Optimismus oder Angst, sondern etwas Echtes, eine Mischung aus Ambition, Druck, Lernen und Entschlossenheit.

Was folgt, ist kein reiner Bericht, sondern unsere persönliche Reflexion darüber, was uns wirklich bewegt hat.

Das Panel: Wenn KI strukturell wird

The Great Rewiring: AI, Industry, and the Architecture of Global Resilience vereinte Pravina Ladva von Swiss Re und Mallik Rao von Telefónica Deutschland, moderiert von Nicole Büttner. Schon beim ersten Austausch wurde klar, dies war kein Gespräch über Experimente mehr.

Beeindruckend war, wie ruhig beide Panelisten über KI als strukturelle Kraft sprachen. Nicht als Werkzeug zur Prozessoptimierung, sondern als etwas, das verändert, wie Risiken verstanden, Entscheidungen getroffen und Vertrauen in großem Maßstab aufgebaut wird. In Branchen, in denen Fehler reale Konsequenzen haben, ist KI bereits tief in die Betriebsmodelle integriert.

Pravina sprach über Resilienz nicht als Stabilität, sondern als Anpassungsfähigkeit, die Fähigkeit, Veränderungen früh zu erkennen und intelligent darauf zu reagieren. Diese Perspektive hat uns nachhaltig beeindruckt. Resilienz heute bedeutet nicht, die Linie zu halten, sondern sich zu bewegen, ohne Vertrauen zu verlieren. Mallik beschrieb aus Sicht der digitalen Infrastruktur, wie sich Telekommunikationsunternehmen von reinen Connectivity-Anbietern zu Intelligenzplattformen entwickeln und welche völlig neuen Betriebsmodelle, Fähigkeiten und Verantwortlichkeiten dies erfordert.

Besonders real wurde die Geschwindigkeit bewusst. Entscheidungszyklen, die früher Quartale dauerten, passieren jetzt in Wochen oder Tagen. Die Kluft zwischen Organisationen, die sich anpassen können, und denen, die es nicht können, wächst still, aber unaufhaltsam.

Roundtable I: Gesundheit, Menschlichkeit und ehrliche Einsichten

Der erste Roundtable mit dem Titel The Intelligent Health System: Pharma and Healthcare for the Next Decade wurde von Bertram Weiss und Thomas Wollmann von Merantix Momentum gehostet. Dieser Roundtable war eines der offensten Gespräche, die wir erlebt haben.

Im Gesundheitswesen treffen starke Meinungen auf große Verantwortung. Als die Teilnehmenden ihre Erfahrungen aus Pharma, Krankenhäusern, Politik und Technologie teilten, wurde ein klarer Spannungsbogen sichtbar. KI bietet beispiellose Chancen, doch Fortschritt wird durch Vertrauen, Anreize und menschliches Verhalten gebremst.

Wir sprachen viel über Prävention, nicht als Schlagwort, sondern als Verhaltensherausforderung. KI kann coachen, erinnern, personalisieren und vorhersagen, aber sie kann Veränderung nicht erzwingen. Die Erkenntnis, dass die meisten Gesundheitsergebnisse nicht an fehlender Technologie, sondern an fehlender Adhärenz, Verständnis und Zugang scheitern, war ernüchternd.

Besonders beeindruckend war die wiederholte Betonung der pragmatischen Use Cases. Entlassungsbriefe automatisieren, Verwaltungsaufwand reduzieren, Ärzten täglich fünf Minuten sparen. Das sind keine Schlagzeilen-tauglichen Geschichten, aber sie schaffen Glaubwürdigkeit, Vertrauen und Momentum in Institutionen, die sich keinen hypegetriebenen Fehler leisten können.

Auch der Umgang mit Daten war ein zentrales Thema. Die Angst, medizinische Daten zu teilen, existiert neben der Bereitschaft, fast alles andere online zu teilen. Fortschritt wird nur möglich sein, wenn Patientinnen und Patienten den Wert ihrer Daten wirklich verstehen und die Kontrolle darüber haben.

Wir verließen diesen Roundtable mit der Erkenntnis, dass Transformation im Gesundheitswesen nicht über schlauere Algorithmen passiert. Sie geschieht, wenn Anreize ausgerichtet, Verhalten verändert und Systeme neu gedacht werden, die nie für Lernfähigkeit gebaut wurden.

Roundtable II: KI als Motor organisatorischer Veränderung

Der zweite Roundtable mit dem Titel AI as a Change Engine: Redesigning How Industries Work wurde von Andreas Imthurn, Senior Account Manager & Lead Switzerland, und Paul Rupprecht, CCO von Merantix Momentum, gehostet.

Über Sektoren hinweg von Banking über Industrie bis Luftfahrt, Luxus und Beratung tauchte immer wieder dasselbe Thema auf. KI zwingt Organisationen, sich mit Struktur, Entscheidungsfindung und Verantwortlichkeit auseinanderzusetzen.

Was uns besonders auffiel, war, dass die Herausforderungen selten technologisch waren. Der eigentliche Engpass liegt in der Ausrichtung der Führung, im Betriebsmodell, in Budgetprozessen und in der kulturellen Bereitschaft. Viele sind über Pilotprojekte hinaus, kämpfen aber noch mit der Skalierung, weil ihre Organisationen nicht für kontinuierliches Lernen gebaut sind.

Ein wiederkehrender Gedanke war die Notwendigkeit klarer Narrative, nicht nur von Regeln. Menschen müssen verstehen, warum KI eingeführt wird, nicht nur, was sie benutzen dürfen. Zu viele Einschränkungen führen zu Schatten-IT, zu wenige zerstören Vertrauen.

Ein Kommentar bleibt besonders im Gedächtnis. Hierarchien verlieren an Bedeutung, wenn KI Erfolg und Misserfolg in Echtzeit sichtbar macht. Die Rolle der Führung verschiebt sich vom Kontrollieren zum Orchestrieren. Bedingungen schaffen, unter denen Teams handeln, lernen und schnell nachjustieren können.

Am Ende wurde klar, dass alle implementieren KI, doch kaum jemand glaubt, das richtige Betriebsmodell bereits gefunden zu haben. Genau diese Ehrlichkeit war für uns ein Zeichen von Fortschritt.

Zusammenfassung

Über das Panel und beide Roundtables hinweg dominierte ein Gefühl. Es geht nicht mehr um Experimente. KI verändert bereits, wie Organisationen arbeiten, ungleich, unvollkommen, aber unumkehrbar.

Wir hörten Frustration, Ambition, Vorsicht und Überzeugung. Wir sahen Führungskräfte, die mit Verantwortung ringen, nicht nur mit Chancen. Wir spürten das gemeinsame Bewusstsein, dass die nächste Phase des KI-Einsatzes nicht denen gehört, die allein am schnellsten sind, sondern denen, die ihre Systeme lernen lassen, sich kontinuierlich anpassen und sich offen mit Unsicherheit auseinandersetzen.

Die große Neuordnung passiert nicht irgendwann. Sie geschieht bereits, leise, in Organisationen, die bereit sind, unbequeme Fragen zu stellen.

Wir sind dankbar für alle, die mit Offenheit, Tiefe und Ehrlichkeit teilgenommen haben. Diese Gespräche enden nicht in Davos. Sie fangen gerade erst an.

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Im AI House Davos wollten wir nicht über KI in der Theorie sprechen. Wir wollten denjenigen zuhören, die bereits mitten in der Transformation stehen, mit Verantwortung für Skalierung, Regulierung, Menschen und reale Konsequenzen. Über ein Panel und zwei Roundtables hinweg hörten wir nicht nur Optimismus oder Angst, sondern etwas Echtes, eine Mischung aus Ambition, Druck, Lernen und Entschlossenheit.

Was folgt, ist kein reiner Bericht, sondern unsere persönliche Reflexion darüber, was uns wirklich bewegt hat.

Das Panel: Wenn KI strukturell wird

The Great Rewiring: AI, Industry, and the Architecture of Global Resilience vereinte Pravina Ladva von Swiss Re und Mallik Rao von Telefónica Deutschland, moderiert von Nicole Büttner. Schon beim ersten Austausch wurde klar, dies war kein Gespräch über Experimente mehr.

Beeindruckend war, wie ruhig beide Panelisten über KI als strukturelle Kraft sprachen. Nicht als Werkzeug zur Prozessoptimierung, sondern als etwas, das verändert, wie Risiken verstanden, Entscheidungen getroffen und Vertrauen in großem Maßstab aufgebaut wird. In Branchen, in denen Fehler reale Konsequenzen haben, ist KI bereits tief in die Betriebsmodelle integriert.

Pravina sprach über Resilienz nicht als Stabilität, sondern als Anpassungsfähigkeit, die Fähigkeit, Veränderungen früh zu erkennen und intelligent darauf zu reagieren. Diese Perspektive hat uns nachhaltig beeindruckt. Resilienz heute bedeutet nicht, die Linie zu halten, sondern sich zu bewegen, ohne Vertrauen zu verlieren. Mallik beschrieb aus Sicht der digitalen Infrastruktur, wie sich Telekommunikationsunternehmen von reinen Connectivity-Anbietern zu Intelligenzplattformen entwickeln und welche völlig neuen Betriebsmodelle, Fähigkeiten und Verantwortlichkeiten dies erfordert.

Besonders real wurde die Geschwindigkeit bewusst. Entscheidungszyklen, die früher Quartale dauerten, passieren jetzt in Wochen oder Tagen. Die Kluft zwischen Organisationen, die sich anpassen können, und denen, die es nicht können, wächst still, aber unaufhaltsam.

Roundtable I: Gesundheit, Menschlichkeit und ehrliche Einsichten

Der erste Roundtable mit dem Titel The Intelligent Health System: Pharma and Healthcare for the Next Decade wurde von Bertram Weiss und Thomas Wollmann von Merantix Momentum gehostet. Dieser Roundtable war eines der offensten Gespräche, die wir erlebt haben.

Im Gesundheitswesen treffen starke Meinungen auf große Verantwortung. Als die Teilnehmenden ihre Erfahrungen aus Pharma, Krankenhäusern, Politik und Technologie teilten, wurde ein klarer Spannungsbogen sichtbar. KI bietet beispiellose Chancen, doch Fortschritt wird durch Vertrauen, Anreize und menschliches Verhalten gebremst.

Wir sprachen viel über Prävention, nicht als Schlagwort, sondern als Verhaltensherausforderung. KI kann coachen, erinnern, personalisieren und vorhersagen, aber sie kann Veränderung nicht erzwingen. Die Erkenntnis, dass die meisten Gesundheitsergebnisse nicht an fehlender Technologie, sondern an fehlender Adhärenz, Verständnis und Zugang scheitern, war ernüchternd.

Besonders beeindruckend war die wiederholte Betonung der pragmatischen Use Cases. Entlassungsbriefe automatisieren, Verwaltungsaufwand reduzieren, Ärzten täglich fünf Minuten sparen. Das sind keine Schlagzeilen-tauglichen Geschichten, aber sie schaffen Glaubwürdigkeit, Vertrauen und Momentum in Institutionen, die sich keinen hypegetriebenen Fehler leisten können.

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Zusammenfassung

Über das Panel und beide Roundtables hinweg dominierte ein Gefühl. Es geht nicht mehr um Experimente. KI verändert bereits, wie Organisationen arbeiten, ungleich, unvollkommen, aber unumkehrbar.

Wir hörten Frustration, Ambition, Vorsicht und Überzeugung. Wir sahen Führungskräfte, die mit Verantwortung ringen, nicht nur mit Chancen. Wir spürten das gemeinsame Bewusstsein, dass die nächste Phase des KI-Einsatzes nicht denen gehört, die allein am schnellsten sind, sondern denen, die ihre Systeme lernen lassen, sich kontinuierlich anpassen und sich offen mit Unsicherheit auseinandersetzen.

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